Väterschaulaufen

micha

Heute nur mal eine Kleinigkeit, die mir alle zwei Tage widerfährt: Ich schiebe den Kinderwagen durch Berlin-Kreuzberg. Da Kreuzberg vermutlich einer der fortschrittlichsten Flecken dieses Landes ist, liegt die Quote von Frauen, die mir mit ihren Kinderwägen entgegenkommen hier nicht bei 99%, sondern bei schätzungsweise „nur“ 85%.

Kommt mir eine dieser 85% entgegen, lächeln wir uns meistens an und die Mutter guckt manchmal offensichtlich, manchmal heimlich in meinen Wagen um den Kindervergleichsblick vorzunehmen.

Aber wenn mir ein Vertreter der 15% entgegen kommt, dann spielt sich eine Art telepathischer Kneipenabend vor mir ab. Ich sehe schon aus der Ferne wie der andere Vater erkennt, dass da vorn jemand kommt, dem es ähnlich geht wie ihm. Beide versuchen wir dann möglichst natürlich unsere Vaterrolle vor uns herzuschieben… Ist ja schließlich heutzutage „ganz normal“, dass wir Väter uns genauso kümmern (Oder? 85/15?). Während wir uns näher kommen läuft in unseren Köpfen eine Art „Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, wie es dir geht“ ab. Bis hierhin ist ja noch alles zu ertragen. Aber kurz bevor wir aneinander vorbei rollern hab ich das Gefühl, dass sich mein Gegenüber auf so komische Kneipen-Männer-Art mit mir solidarisieren will. Er kneift die Augen zusammen um mir vermutlich zu signalisieren, wie wenig er in der Nacht schläft. Er presst die Lippen zusammen und macht eine kleine aber schnelle Seitwärtsbewegung mit dem Kopf als wollte er sagen „Wir beede, wa? Die Weiber haben uns schon ganz schön im Griff, dass wir hier ihre Arbeit machen! Soweit isses mit uns Männern schon gekommen“. Das Ganze entlädt sich dann verbal in einem überfreundlichen „Guten Morgen!“ oder auch „Hallöchen!“. Ohne Quatsch: Ich werde von jedem Vater mit Kind gegrüßt!

Anfangs fand ich das noch witzig aber mittlerweile gucke ich oft auf den Boden wenn ein Vater im Anrollen ist. Ich will dieses Vaterdasein nicht als so etwas ungewöhnliches verstanden wissen. Ich will einfach „normal“ behandelt werden. Ich weiß ja nicht, wie oft diese Väter den Kinderwagen pro Woche schieben, aber grüßen sie wirklich jeden Vater?
Klar ist es schön von im Prinzip jeder Frau angelächelt zu werden, wenn ich mit dem Kind spazieren gehe (funktioniert nur im Tragetuch, nicht im Kinderwagen). Aber lächeln sich die Mütter auch untereinander an? Ich befürchte nicht. In diesem Fall würde ich gern auf die ganze Freundlichkeit verzichten und normal, berlinerisch behandelt werden… Zumindest bis auf den Spielplätzen 50% der anwesenden Eltern Väter sind.

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